31. Januar 2021

Über dem Orakel von Delphi prangte einst der Spruch: Erkenne dich selbst. Das Menschlein blickt zu Boden; bis zum heutigen Tag konnte es der Aufforderung nur in Ansätzen nachkommen. Das wusste man schon in der Antike: Vollkommene Selbsterkenntnis ist unmöglich; Leben heißt gestalten und wer sein Leben gestalten will, muss sich bis zu einem gewissen Grad inszenieren. Die Grenzen zwischen Sein und Schein sind dabei fließend, die Gefahr des Selbstbetrugs ist groß. Der Philosoph Seneca nannte es die Rolle spielen, die uns vom Schicksal zugewiesen wurde. Freilich, manchen ist Selbsterkenntnis wichtig, aber anderen ist sie soviel wie dem Glatzkopf der Kamm. Auch im Luftschloss lebt es sich angenehm. Moderne Auguren sagen: Inszeniere dich selbst. Lebe deinen Wahn, Realität ist was für Flaschen. Andere meinen, man müsse nur authentisch sein … Wie also lebt es sich »richtig«? Wo ist die Grenze zwischen legitimer Lebensgestaltung und wahnhafter Inszenierung? Braucht der Mensch seine ihm eigene fabula, auf der er sein Leben errichten kann? Oder betrügt er sich damit nur selbst?

Tom F. Lange. Petronica
Ab März 2021 unter www.hollitzer.at und im Buchhandel erhältlich.

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