Satyrisch-satirische Betrachtungen einer Amphibie von schwacher Sehschärfe

Es war einmal ein Frosch. Der lebte an einem schlammigen Tümpel und betrachtete die Welt. Meistens musste er dabei – als der Laubfrosch, der er war – hoch nach oben schauen, aber das störte ihn nicht. Es war seine natürliche Perspektive. Schräg von unten blinzelte er nach oben – zuweilen in der Sicht behindert, durch Schilf, Schlammspritzer auf der Brille oder herumschwirrende Insekten. Der Frosch mit der Brille quakte gerne und er quakte viel, und da er nicht gestorben ist, quakt er noch heute: Immer dann, wenn etwas geschieht, das selbst in seinem Tümpel Wellen schlägt. Viel Spaß beim Lesen!

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Wir Coronauten. Logbuch-Eintrag Nr. 10

Der Frosch mit der Brille hat mich aufgefordert, für einige Zeit seinen Platz einzunehmen, da, wie er sagte, der Frosch zu schweigen hat, wenn der Mensch gefragt ist. Ich werde seinem Ansinnen, so gut es geht, Folge leisten. Mit kurzen Beiträgen, die – solange ich das schaffe – dienstags, freitags und sonntags, um 17h erscheinen werden. Tom F. Lange, im April 2020

Tag 28: Die Pest

Mein erster Deutschlehrer war ein alter Nazi. Das genügte ihm nicht, er war außerdem Sadist. Besonders hatte er es auf einen schmächtigen Buben in meiner Klasse abgesehen. Dieser war, wenn ich mich recht erinnere, armenischer Herkunft. Er hatte schwarze Haare und große, dunkle Augen und es war leicht, ihn zum Weinen zu bringen. Der alte Nazi musste ihn nur ein paar Minuten lang streng anstarren. Nachdem ich, der Zehnjährige, den »Herrn Professor« deswegen vor versammelter Klasse kritisiert hatte, wurden wir Feinde fürs Leben. Letzten Endes musste ich seinetwegen die Schule wechseln.
Mein zweiter Deutschlehrer war eine Lehrerin, und  – frustrierte Kommunistin. Sie hasste mich schon, bevor sie mich kannte. In der ersten Unterrichtsstunde stellte sie sich zunächst bei ihren neuen Schülern vor, unmittelbar danach befahl sie mir, aufzustehen. Bevor ich wusste wie mir geschah, bezeichnete sie mich als »Sohn aus reichem Hause, von dem sie jetzt schon wisse, dass er nur Probleme machen werde«. Setzen! Ich, der aufgrund meiner Erlebnisse nicht die geringste Lust auf Ärger hatte, war sprachlos. »Vom Regen in die Traufe«, dachte mir, oder eher – von der Gestapo ins Politbüro. Ihr Literaturverständnis war atemberaubend: Nur politische Literatur sei wahre Literatur; ein Werk, das keine politische Botschaft enthalte, keinerlei Deutung in diese Richtung zulasse, sei vollkommen wertlos. Punkt. Fürderhin lasen wir die gesammelten Werke Bertolt Brechts.
Literaturvermittlung lief bei ihr immer nach dem gleichen Schema ab. An erster Stelle stand ihre Einführung, in der sie unverhüllt klarmachte, wohin unsere interpretatorische Reise zu gehen hatte. Danach durften wir lesen und deuten. Es wäre leicht gewesen, ihr nach dem Maul zu reden. Auch die plumpeste ideologische Bauchpinselei wurde mit einem strahlenden Lächeln und guten Noten belohnt.  Darin unterschied sie sich gar nicht von ihrem Nazi-Vorgänger. Meinen Eindruck, dass ihr Liebling argumentativ eher zur Keule als zum Degen neige, teilte ich ihr mit; das machte unsere Beziehung nicht besser. Aber zu diesem Zeitpunkt hatte ich es längst aufgegeben, mit dieser Frau in Frieden auskommen zu wollen. Ihre Ideologie teilte die Welt in Gut und Böse, dazwischen gab es nichts. Ich war ihr Klassenfeind, was sie mich bei jeder Gelegenheit spüren ließ, also schaltete ich auf Konfrontation.
Aber dann kam Die Pest. Ich, der längst unter akutem Brechtreiz litt, war begeistert. Albert Camus’ Werk erschien mir deutlich subtiler, als alles was Brecht jemals erschaffen hatte. Es gefiel mir sofort. Endlich einmal eine Geschichte, die auf mehreren Ebenen funktioniert. Als »freien« Lesestoff konnte ich es in meinen Deutsch-Gulag einschleusen, meine Präsentation schrieb sich von selbst: Metapher auf den Totalitarismus, beispielsweise auf den zur Abfassungszeit gerade überwundenen Nationalsozialismus, aber gleichermaßen auf kommunistische Regime anwendbar. Jedoch, man kann sie, wenn man das will, auch »unpolitisch« lesen, als präzises und spannendes Drama über den Ausbruch und die Bekämpfung einer Epidemie. Der Text erlaube es. Als ich diese Gedanken vor ihr ausbreitete, brach die Hölle aus: Das mit den kommunistischen Regimen sei die Geisteshaltung, die sie von einem Kapitalistensöhnchen erwartet habe, aber man müsse schon geistig beschränkt sein, um Die Pest so zu interpretieren wie ich! Deutungsebenen, Schwachsinn! Die ganze Welt erkenne die Nazizeit – und nichts anderes!– in diesem Buch! Ob ich kleines Nichts mich gegen die ganze Welt stellen wolle?! …
Die Geschichte ist über vierzig Jahre her. Vor zwei Tagen erinnerte ich mich lächelnd an sie. Denn Die Pest von Albert Camus kann man derzeit online, in Form einer Marathonlesung des Theaters im Rabenhof erleben[1] – als relevantes Drama über den Ausbruch und die Bekämpfung einer Epidemie.

© Tom F. Lange, 2020


[1] Mehr dazu: https://www.rabenhoftheater.com/die-pest/ und https://fm4.orf.at/stories/3000956/. 11.4.2020

Wir Coronauten. Logbuch-Eintrag Nr. 9

Der Frosch mit der Brille hat mich aufgefordert, für einige Zeit seinen Platz einzunehmen, da, wie er sagte, der Frosch zu schweigen hat, wenn der Mensch gefragt ist. Ich werde seinem Ansinnen, so gut es geht, Folge leisten. Mit kurzen Beiträgen, die – solange ich das schaffe – dienstags, freitags und sonntags, um 17h erscheinen werden. Tom F. Lange, im April 2020

Tag 26: Vorsicht, Spalt!

Ein Online-Einrichtungshaus schickt mir ein e-mail: »Zuhause ist’s am schönsten!« Ticken die noch richtig? Man weiß es nicht. Aber sie meinen es ernst: »Diese Preise sorgen für Frühlingsgefühle.« Gleich zwei Botschaften, bei denen ich mich im falschen Film wähne. Die dritte folgt umgehend: Im Supermarkt lachen mich pausbäckige Schoko-Osterhasen an, auferstanden in bunt-goldener Alufolie. Gemeinsam mit Tulpen und Eiern stehen sie im Eingangsbereich und bei den Kassen Spalier, als Ministranten einer äußeren Wirklichkeit, die ich mit meiner inneren nicht vereinbaren kann. Die äußere hat ihre nicht zu leugnende Faktizität: Der Frühling ist gekommen, ob ich mit ihm etwas anfangen kann oder nicht. Und Ostern ist da – in seiner gewohnten, verkitschten Normalität – die plötzlich absurd geworden ist.
Wenigstens in einer Hinsicht ist alles in warmen Tüchern. Anlässlich des wichtigsten Festes der Christenheit konnte die Frage des Eiersuchens gerade noch rechtzeitig gesetzlich geregelt werden. Österreich ist erlöst. Die Osterpinze bei der Erbtante darf hinuntergewürgt werden. Ein Freund schreibt mir: »Ich frage mich, was ganz Österreich plötzlich feiern will, wenn es sagt, dass es Ostern feiern will (und halt nicht so wirklich darf?« Frag nicht. Du, als Teil der Bevölkerung, der Ostern als Ostern und nicht als Magenverstimmung oder Verkehrstoter begehen will, weiß auch ohne Erlass, wie das geht.
Ich bin kein gläubiger Mensch. Ostern ist für mich das Fest des Bibelschinkens (alter Hollywood-Rezeptur), das Fest der Primavera, des erwachenden Frühlings und der geleerten Supermarktregale, wenn der Karsamstag wieder einmal als der Beginn einer Hungersnot interpretiert wurde. Statt an hartgekochten Eiern delektiere ich mich lieber an Peter Ustinov als Kaiser Nero (Quo Vadis?, 1951), Charlton Heston als Judah Ben-Hur (Ben Hur, 1959) oder an John Huston als Noah (Die Bibel, 1966).
Das erste Grün auf der Terrasse hat sich längst gezeigt, ich könnte endlich wieder nach Herzenslust garteln. Nur fehlt es mir an der Erde, an Töpfen, etc. Online bestellen ist für mich keine Lösung: Nur vor Ort, im Geschäft fallen mir die Dinge ein – oder auf, die ich nicht auf der Liste stehen habe. Aber gut, irgendwann nächste Woche – nicht am Dienstag! – ist auch das erledigt, und dann kann der Frühling wenigstens partiell in mein Gemüt einziehen. »Frühlingsgefühle« hingegen, liebe schlecht beratene Werbetexter, »Frühlingsgefühle« sind das Letzte, woran ich jetzt erinnert werden will! Man spricht nicht vom Strick im Haus des Erhängten. Meine Partnerin und ich leben in getrennten Haushalten. Ich erwäge Kaltwasserduschen und fernöstliche Meditation. »Frühlingsgefühle« kann ich momentan weder brauchen, noch will ich sie haben.
Unseren weltlichen Hirten, insbesondere unserem Hl. Sebastian, der auch in der Krise eifrig an seiner Divinisierung arbeitet, rate ich abschließend zur Vorsicht – in Hinblick auf den im Fest enthaltenen »Plan B«: Erlösung durch Menschenopfer. Ungefähr gleich alt wäre er ja …

© Tom F. Lange, 2020

Wir Coronauten. Logbuch-Eintrag Nr. 8

Der Frosch mit der Brille hat mich aufgefordert, für einige Zeit seinen Platz einzunehmen, da, wie er sagte, der Frosch zu schweigen hat, wenn der Mensch gefragt ist. Ich werde seinem Ansinnen, so gut es geht, Folge leisten. Mit kurzen Beiträgen, die – solange ich das schaffe – dienstags, freitags und sonntags, um 17h erscheinen werden. Tom F. Lange, im April 2020

Tag 23: Kuscheln mit dem Lagerkoller

1. Ich könnte meine Wohnung putzen, wenn ich wollte. Es ist eine der Tätigkeiten, die die Bundesregierung empfiehlt. Aber das halte ich mir in Reserve, für den Tag an dem ich gar nichts mehr mit mir anzufangen weiß. Oder für den, an dem ich nur noch mit einem Schneepflug durch die angehäuften Staubwechten komme. Bei offenem Fenster huschen die Lurchknäuel wie verspielte Kätzchen über den Boden, was ein unterhaltsamer Anblick ist.
2. Ich könnte ein Buch lesen. Wenn ich wollte. Aber ich kann nicht. Die meisten, die ich habe, sind deprimierend gut.
3. Ich könnte das Altpapier wegbringen. Aber der Berg von Nudelpackungen und Whiskykartons ist einer der letzten mir verbliebenen Beweise für das Verstreichen der Zeit. Dank seines steigenden Pegels existiert ein vom Gestern unterscheidbares Heute. Und ich brauche ihn. Seine Präsenz bildet die notwendige Affirmation des Ausnahmezustandes, ohne die ich verloren wäre. Aber ich mag ihn trotzdem nicht.
4. Ich könnte spazieren gehen. Wenn mir diese peinlich auf Achtsamkeit bedachten Menschen nicht schon zum Halse heraushingen. Der erste, der am Fenster steht und applaudiert, ist tot. Womöglich fährt auch noch ein Polizeiauto vorbei und intoniert »I am from Austria«. Immerhin, dem könnte ich auf die Motorhaube kotzen. Aber bei meinem Pech bleibt es nicht stehen.
5. Ich könnte mir die uralte weiße Baumwollunterhose – mit Eingriff –, die ich im Kasten gefunden habe, über den Kopf stülpen und damit einkaufen gehen. Vielleicht lande ich dann in der Klapsmühle. Aber ich weiß nicht einmal, ob ich mich fürchten soll, dort behalten zu werden, oder dass sie mich gleich wieder rausschmeissen.
6. Ich könnte am Balkon mit meinen Nachbarn reden. Aber die sind mir suspekt. Mit Nachbarn ist es wie mit kleinen Kindern: Man will sie nur selten hören und niemals sehen. Zumindest in Wien. Merke: Der Wiener ist die Essenz des Österreichers: Seine Gemütlichkeit ist die gnadenloseste, sein Gift das tödlichste. Nur Zugereiste wollen gutnachbarschaftliche Beziehungen führen. Der gelernte Wiener bewahrt sein goldenes Herz – wie alle seine Pretiosen – im Schließfach auf. Denn er weiß, dass die Begründung der Psychoanalyse in seiner Stadt kein Zufall war. Man muss verstehen, dass Wien nicht nur eine Hochburg des Antisemitismus war, sondern auch eine Brutstätte für Neurosen. Wer hat das gesagt? Erwin Ringel? Und wenn, hat er das so gesagt? Egal. Nachbarn sind entweder Nazis oder gestört.

© Tom F. Lange, 2020

Wir Coronauten. Logbuch-Eintrag Nr. 7

Der Frosch mit der Brille hat mich aufgefordert, für einige Zeit seinen Platz einzunehmen, da, wie er sagte, der Frosch zu schweigen hat, wenn der Mensch gefragt ist. Ich werde seinem Ansinnen, so gut es geht, Folge leisten. Mit kurzen Beiträgen, die – solange ich das schaffe – dienstags, freitags und sonntags, um 17h erscheinen werden. Tom F. Lange, im April 2020

Tag 21: Gesucht: Die positiven Aspekte

Einsamkeit wird als Strafe empfunden. Man wird zu ihr verurteilt, ist zu ihr verdammt, etc. Wir sind zur Zeit in ihr »wohnhaft«, wie Peter Weibel trefflich bemerkt.[1] Andererseits ist die Einsamkeit einer der erprobten Wege zur Weisheit. Die Abkehr von der menschlichen Gesellschaft, der Verzicht auf Ablenkungen jeglicher Art fördert bekanntlich die innere Reifung des Menschen, sie bringt ihn auf den Pfad jenes Gebotes, das seit über zweitausend Jahren geradezu von selbst zur Weisheit führt: Erkenne dich selbst. Na bitte! Dann kann es ja nicht mehr lange dauern, bis ich wahre Schätze an Weisheit heben werde. Oder doch nicht? Das Warten wird mir allmählich lang. Auch wenn ich nach mickrigen drei Wochen keine erschütternd neuen Erkenntnisse von mir erwarte, ein bisschen klüger hätte ich inzwischen schon werden können. Wo bleibt sie denn, meine Erleuchtung? Lebe ich denn nicht wie ein Eremit? Bin ich nicht enthaltsam genug? Oh je, letzteres wäre denkbar …
Positiv denken! Die Krise als Chance begreifen! Ja, gerne, aber wie denn? Für viele Menschen ist diese Krise eine, die ihre Existenz bedroht, die haben andere Sorgen. Aber selbst wenn das nicht der Fall ist, wo hat denn dieses Schlechte sein Gutes?  Ein Vertreter der österreichischen Geldwirtschaft drückte gleich zu Beginn der Lokal- und Geschäftsschließungen seine Hoffnung aus, dass diese einen positiven Selbstreinigungseffekt auf die Wirtschaft haben könnten. Mit manchen hat man gerne weniger Sozialkontakt.
Dennoch, ich könnte in mich gehen und mir ein Beispiel nehmen, etwa an dem Maler Théodore Géricault und seiner berühmten »Szene eines Schiffbruchs«, besser bekannt als »Floß der Medusa«. Das Bild entstand unter dem Eindruck des skandalösen Untergangs der gleichnamigen französischen Fregatte im Jahr 1816, die aufgrund der Inkompetenz ihrer Offiziere verloren gegangen war. Um sich besser auf seine Arbeit zu konzentrieren, und vor allem, um nicht in Versuchung zu geraten, auszugehen, rasierte sich Géricault seinen Kopf. Skizzen haben sich erhalten, die zeigen, was er nicht gemalt hat: das Auflaufen des Schiffes auf dem Riff, die Morde auf dem Rettungsfloß, den Kannibalismus ebendort, etc. Bis er das endgültige Sujet gefunden hatte und sein Gemälde vollenden konnte, dauerte es acht Monate. Selbst der vom Skandal nicht unberührt gebliebene Ludwig XVIII. stellte fest: »Monsieur Géricault, ihr Schiffbruch ist wahrlich kein Desaster.«[2]
Ausgehen kann ich sowieso nicht, und unabgelenkter als jetzt werde ich mein Leben lang nie wieder sein – hoffentlich! Ich könnte also, an den Schreibtisch angenagelt, endlich mein Opus Magnum aufs Papier werfen, mir – jetzt oder nie! – ewigen Ruhm nebst (längst fälliger) Unsterblichkeit erschreiben. Ja, eh! Sobald mir etwas eingefallen ist, gebe ich Bescheid.

© Tom F. Lange, 2020


[1] Peter Weibel. Virus, Viralität, Virtualität. Der Globalisierung geht die Luft aus. Der Standard. 5. 4. 2020. 07.00. https://www.derstandard.at/story/2000116482357/virus-viralitaet-virtualitaetder-globalisierung-geht-die-luft-aus

[2] Aus: Julian Barnes. A History of the World in 10 1/2 Chapters. (5. Shipwreck). Picador 1990.

Wir Coronauten. Logbuch-Eintrag Nr. 6

Der Frosch mit der Brille hat mich aufgefordert, für einige Zeit seinen Platz einzunehmen, da, wie er sagte, der Frosch zu schweigen hat, wenn der Mensch gefragt ist. Ich werde seinem Ansinnen, so gut es geht, Folge leisten. Mit kurzen Beiträgen, die – solange ich das schaffe – dienstags, freitags und sonntags, um 17h erscheinen werden. Tom F. Lange, im April 2020

Tag 19:  Ich bin selber infiziert

Vor Jahren begab ich mich an einem Sommertag wieder einmal in den Wiener Volksgarten. Kaum hatte ich es mir auf einer Wiese bequem gemacht, stand schon ein Parkwächter vor mir und forderte mich auf, die Wiese zu verlassen. Ich fragte ihn nach dem Grund dafür, bisher wäre das doch erlaubt gewesen. Bisher. Der Parkwächter gab mir Bescheid: Unbekannte Besucher hatten kürzlich ein Lagerfeuer auf einer der Wiesen entzündet, nach Einbruch der Dämmerung, unter Verwendung mehrerer Sträucher als Brennstoff … Abgesehen von dem Brandloch in der Wiese hinterließen sie ihren Müll, klaffende Lücken in den Rosenbeeten und die – dank ihrer Intervention – für den restlichen Sommer bestehende Sperre der Rasenflächen. Auch damals hatte die unbeteiligte Mehrheit die Folgen des Fehlverhaltens einer Minderheit zu ertragen.
Es wurde mir von verschiedenen Seiten nahegelegt, doch an die Vernunft der Menschen zu appellieren. Das halte ich für sinnlos. Wenn solche »Unvernünftige« durch die Kraft der Vernunft zu überzeugen wären, dann wären sie ja vernünftig – und dann bräuchten sie meine Belehrungen nicht. Da sie es aber nicht sind, könnte ich ebensogut mit der Wand sprechen. Was also tun? Die Kyniker, antike Bettelphilosophen, lehrten ihre Schüler, zunächst die Marmorstatuen auf dem Marktplatz anzubetteln. Denn auch das, sagte Diogenes von Sinope, ist irgendwie eine gute Übung. Du wirst nämlich Menschen begegnen, die gefühlloser sind als Statuen.[1]
Eigentlich müssten sich alle Menschen wünschen, dass diese Krise möglichst bald zu Ende geht. Das wird aber nur möglich sein, wenn jeder einzelne verantwortlich handelt. Eigentlich. Ein Freund schrieb mir neulich: »Ich war entsetzt, beispielsweise nur, als ich vorgestern ein paar Schritte in der frischen Luft machen wollte – und eines kunterbunten, lebhaften Markttreibens vornehmlich ›alternativer‹ Selbstoptimierer und Bobos in unserer Gasse gewahr werden mußte.« Ähnlich dicht – nur weniger boboesk – menschelt es derzeit auf einem Wiener Traditionsmarkt, an dem ich in letzter Zeit öfter vorbeifahre.
Wollen kann man nicht lernen,[2] meinte der Philosoph Seneca dazu. Diogenes wiederum empfahl, man müsse sein eigener Lehrer sein, indem man alles, was man an anderen auszusetzen hat, vor allem an sich selber aussetzt.[3] Die antike Philosophie war freilich keine Massenveranstaltung. Sie war anspruchsvoll. Nur absolute Herrscher und absolute Trottel galten als frei, alles zu tun, was sie wollten.[4] Aber sie appellierte an den freien Willen des Menschen. Anders das entstehende Christentum: Es hat etliche Leitsätze der antiken Philosophen dankend eingemeindet, seine Lehre jedoch mit einem zusätzlichen, gänzlich unphilosophischen Fangnetz abgesichert: Wenn Du gut bist, belohnt Dich Gott, wenn Du böse bist, bestraft er Dich. Die Philosophen lachten darüber nur. Das sei geradezu kindisch, etwas für einfältige Gemüter, wo doch jeder wisse, dass der Lohn der guten Tat in ihr selbst liege. Durch Versprechungen oder Geschenke erkaufte Tugend sei ebensowenig wert wie durch Drohungen oder Angst erzwungenes Wohlverhalten. Damit hatten sie natürlich recht. Sie waren sehr vernünftig. Ein paar Jahrhunderte später war die »kindische Lehre« Staatsreligion im Römischen Reich; die Philosophie als Erzieherin zur Sittlichkeit zur Seite gedrängt worden. Wer böse ist, bekommt glühende Eisen sonstwo hineingeschoben; wer gut ist, erlangt ewige Glückseligkeit. Das kapiert jeder. Das praktizierte Christentum machte aus jenen Menschen, die weniger zu Hirten als vielmehr zu Schafe taugen, Kinder (Gottes)  – und behandelte sie auch so.
Das ist die eine Möglichkeit. All jene, die sich angesichts der Lage weiterhin beratungsresistent verhalten wollen (Stichwort: »Mir san eh alle g’sund!«), werden – mangels Alternative – als die »Kinder«, die sie sind, behandelt werden müssen: Sei brav, dann darfst Du bald wieder spielen gehen. Sei schlimm, und Du wirst bestraft …
Die andere Möglichkeit hat der genannte Freund von mir präzise in eine lebbare Form gehoben: »Ich verhalte mich in allem so, als ob ich selber infiziert wäre. Auf diese Weise, meine ich, schütze ich meine Mitmenschen am besten. Und nur wer seine Mitmenschen schützt, schützt auch sich selber am wirksamsten.«

© Tom F. Lange, 2020


[1] Diogenes von Sinope. Ep. 11 = G. 541. Aus: Die Weisheit der Hunde. Georg Luck 1997. S. 175 f.

[2] Lucius Annaeus Seneca. Briefe an Lucillius, 81,13.

[3] Diogenes von Sinope. Stob. 3,1,55 = G. 384. Aus: Die Weisheit der Hunde. Georg Luck 1997. S. 164.

[4] Vgl. Lucius Annaeus Seneca. Apocolocyntosis oder Die Verkürbissung des Kaisers Claudius, 1,1: »… jener …, der das Sprichwort wahr werden ließ, dass man zum König oder zum Trottel bereits geboren sein müsse.«

Wir Coronauten. Logbuch-Eintrag Nr. 5

Der Frosch mit der Brille hat mich aufgefordert, für einige Zeit seinen Platz einzunehmen, da, wie er sagte, der Frosch zu schweigen hat, wenn der Mensch gefragt ist. Ich werde seinem Ansinnen, so gut es geht, Folge leisten. Mit kurzen Beiträgen, die – solange ich das schaffe – dienstags, freitags und sonntags, um 17h erscheinen werden. Tom F. Lange, im März 2020

Tag 16: Eine neue Normalität

Als Tom F. Lange eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einer ungeheuren Klopapierrolle verwandelt.
Das machte ihn im Haus sehr schnell beliebt. Anfangs hatte er noch Bedenken; es war ihm unangenehm, einen Teil von sich zu solch profanem Zweck herzugeben, andererseits reichte ein Blatt seiner neuen Daseinsform aus, um einen Zweipersonenhaushalt gut eine Woche lang zu versorgen. Und er hatte ja ohnehin abnehmen wollen. Seine Bewegungsfreiheit war jedoch stark eingeschränkt. Ein erstes Blatt hatte er sich an jenem Morgen gleich selbst abgerissen, als ihm seine neue Leiblichkeit bewußt geworden war und er sie panisch zu erfassen suchte. Wie spätere Messungen ergaben, entsprachen seine Proportionen der einer handelsüblichen Klopapierrolle, die exakt um den Faktor 10 vergrößert worden war. Er war 96 cm hoch, bei einem anfänglichen Durchmesser von etwa 120 cm. Seine einzige Gliedmaße, der einzige Körperteil, mit dem er noch etwas ergreifen konnte, war das jeweilige erste Blatt der Rolle, zu der er mutiert war. Aber auch dieses ihm verbliebene Werkzeug wurde umso kraftloser, je weiter er es entrollte. Und, als ob das nicht schon lästig genug gewesen wäre, in einem Punkt war er von normal dimensioniertem Klopapier nicht zu unterscheiden: Die Stärke der einzelnen Blätter, aus denen er jetzt bestand, war so geblieben, wie man sich das von derlei Papier erwartet. Ganz als ob jene höhere Macht, die seine Metamorphose bewirkt hatte, deren weitere Brauchbarkeit im Sinn gehabt hätte. Das blieb nicht unbemerkt.
Nachdem er sich unter titanischen Anstrengungen bis vor seine Wohnungstür gerollt hatte, auf der Suche nach Hilfe, entdeckten seine Retter die unzähligen Blätter, die ihm auf dem Weg dorthin verloren gegangen waren. »Verdammte Perforierung!« grübelte Tom F. Lange. Jegliche Aktion, die durch Druck oder Rollen bewerkstelligt werden konnte, war soweit kein Problem gewesen; alles, was Zugkraft erfordert hatte, ein verlustreiches Unterfangen. Seine Größe endete knapp unterhalb der Türklinken, daher musste er diese möglichst fest in den Griff eines seiner untauglichen Blätter bekommen und sie zu sich hinabziehen. Einen Schlüssel im Schloß herumzudrehen war beinahe unmöglich gewesen. Als er endlich auf den Gang vor seiner Wohnung geplumpst war, hatte es hinter ihm ausgesehen wie auf einem Schlachtfeld.
Seither kümmerten sich die Hausbewohner um ihn. Wenn man das kümmern nennen konnte. Sie hatten ihn zurück in sein Bett verfrachtet und nach seinen Bedürfnissen gefragt. Es stellte sich heraus, dass er keine mehr hatte. Er brauchte weder Nahrung noch Schlaf, nur eine etwas höhere Luftfeuchtigkeit. Für diese wurde gesorgt, unmittelbar nachdem seinen Betreuern die prinzipielle Verwendbarkeit der herumliegenden losen Blätter aufgefallen war. Eine mitfühlende Seele hatte ihm dann noch den Klobesen und die WC-Ente ins Schlafzimmer gestellt, das war’s.
Leider war er mit seinem neuen Dasein als Klopapierrolle auch deutlich blöder geworden, und – leicht zu manipulieren. Aber es machte ihm von Tag zu Tag weniger aus. Irgendetwas von der, seiner neuen Existenz innewohnenden Neigung zur Anpassung, etwas von dessen Duldsamkeit, eine, ihm bis vor kurzem fremde Harmoniesüchtigkeit, war auf ihn übergangen. Ob das mit dem Bärchenaufdruck in zartem Lila zu tun hatte, der seinen Leib schmückte? Oder damit, dass er immer dünner wurde? Es war den Hausbewohnern jedenfalls nicht schwergefallen, ihn davon zu überzeugen, dass er jetzt –  so wie alle anderen  – seinen Beitrag zu leisten habe.
Tom F. Lange hörte Schritte im Flur, ein weiterer seiner Wohltäter nahte: »Ah, san‘s daheim, Herr Lange, sehr brav … Na, is eh besser, in ihrem Zustand … Net auszudenken, wenn ma Se auf da Strassn sehn tadad … Luftbefeuchter hat noch genug Wasser? Bestens! … Wenn ich so frei sein darf, das übliche Blatterl … Is’ scho’ vorbei! Nix ham’s g’spürt, net wahr? … Alsdann, habe die Ehre, und g‘sund bleiben, gelln S’!«
»Wir müssen halt alle die Rolle akzeptieren, die uns vom Schicksal zugewiesen worden ist«, dachte Tom F. Lange und wälzte sich träge auf die Seite …

© Tom F. Lange, 2020

Wir Coronauten. Logbuch-Eintrag Nr. 4

Der Frosch mit der Brille hat mich aufgefordert, für einige Zeit seinen Platz einzunehmen, da, wie er sagte, der Frosch zu schweigen hat, wenn der Mensch gefragt ist. Ich werde seinem Ansinnen, so gut es geht, Folge leisten. Mit kurzen Beiträgen, die – solange ich das schaffe – dienstags, freitags und sonntags, um 17h erscheinen werden. Tom F. Lange, im März 2020

Tag 14: Die Krise ist da

»Wie beruhigt der Grabredner – in Zeiten der Ansteckungsgefahr – die untröstliche Witwe?« – »Er kondomiert ihr.«
Witze reissen ist eine gängige – und befreiende – Reaktion auf Krisen, soviel ist klar. Auf der untergehenden Titanic beschlossen mehrere männliche Passagiere der First Class, to go down like gentlemen,[1] und überließen die für sie reservierten Plätze in den Rettungsbooten lieber Frauen, Kindern und Jüngeren. Die Legende will, dass sie sich schließlich, nachdem sie sich um Rettungsmaßnahmen für ihre Lieben oder andere Passagiere gekümmert hatten, an der Bar versammelten, auf einen letzten Drink. Da meinte einer der Herren beiläufig: »Ich weiß, das ist jetzt absurd, aber ich hätte doch gerne Eis in meinem Whisky.«
Warum ist das lustig? Weil dieser Mann auf seine Rettung verzichtet hat. Als Überlebender, an Bord von einem der Schiffe, die erst Stunden später am Unglücksort eintrafen, wäre er für den gleichen Witz vielleicht gelyncht worden. Die Grenzen dessen, was noch belustigen kann, werden in der Krise enger. Schlechte Witze richten sich ohnehin von selbst, hinter allen lauert jedoch stets die triste Realität. Ein guter Freund von mir ist Grabredner; die derzeit auf fünf Personen beschränkten Bestattungen (selbst diese dürfen sich nur unter freiem Himmel oder am Grab versammeln) machen würdige Verabschiedungen schwierig bis unmöglich.
Vor über einer Woche sah ich im Fernsehen, im Zuge eines Berichts über Italien,  ein aufgeregtes, schmächtiges Manderl mit grauem Haarkranz, das – vor laufenden Kameras – hysterisch herumhüpfte. Kein aufgebrachter Bürger war da zu sehen, sondern einer der verantwortlichen Politiker der betroffenen Region. Roberto Benigni hätte dessen Auftritt auch nicht besser hingekriegt, ich konnte trotzdem nicht lachen. »Die armen Menschen!« dachte ich, »Wie soll ihnen dieser überdrehte Kasperl Vertrauen oder gar Zuversicht einflößen?« La vita non è bella. Witze über Politiker sind derzeit weniger gefragt. Wir wollen uns nicht über sie lustig machen, weil wir sie uns nicht einmal im Scherz als Witzfiguren vorstellen wollen, sondern – ob zu Recht oder Unrecht – auf ihre Kompetenz hoffen, mit der wir irgendwie durch die Krise kommen. Moment, hab’ ich das gerade hingeschrieben? Seit wann hoffe ich auf die Kompetenz unserer Politiker? Seit jetzt! Die Krise ist wirklich da.

© Tom F. Lange, 2020


[1] »We’ve dressed up in our best and are prepared to go down like gentlemen.« Benjamin Guggenheims letzte überlieferte Worte auf der Titanic, nachdem er anderen Passagieren geholfen und seine Geliebte in einem Rettungsboot untergebracht hatte.

Wir Coronauten. Logbuch-Eintrag Nr. 3

Der Frosch mit der Brille hat mich aufgefordert, für einige Zeit seinen Platz einzunehmen, da, wie er sagte, der Frosch zu schweigen hat, wenn der Mensch gefragt ist. Ich werde seinem Ansinnen, so gut es geht, Folge leisten. Mit kurzen Beiträgen, die – solange ich das schaffe – dienstags, freitags und sonntags, um 17h erscheinen werden. Tom F. Lange, im März 2020

Tag 12: Die gefrorene Stadt

Die Ampeln regeln – in gleichgültigem Rot-Gelb-Grün – das Wenige, das ihrer Regelung bedarf. Im Kaffeehaus ums Eck stehen drei Farbkübel am Boden, sie verstauben seit Tagen an der selben Stelle. Das halb renovierte Portal eines Hauses glotzt mich an, in Unfertigkeit erstarrt. In den Auslagen der Kleidergeschäfte hängen die gleichen Fetzen wie vor beinahe vierzehn Tagen. Aber: Beim verwaisten Italiener gegenüber hängt noch immer ein trotziges Schildchen in der Eingangstür: Open!
Nach dem Gang in den Supermarkt begebe ich mich auf meine regelmäßigen Spaziergänge, getarnt mit meinem Einkaufssackerl, den Blick offen für meine bösen, potentiell infizierten Mitmenschen. Ich, ein Böser unter Bösen, huste: Über verkniffenen Mündern mustern mich eisige Blicke. Vielleicht sollte ich mir ein Schild umhängen: »Das ist ein harmloser Raucherhusten, kein grausliches Corona!«
Ich kehre zurück zu meiner Wohnung, fahre mit dem Aufzug nach oben und sehe, oben angekommen, schon durch den Spalt der Aufzugstür: Da wartet jemand vor dem Lift. Ich bin zunächst genervt, dann überkommt mich eine unerwartete, beinahe hündische Freude an der bevorstehenden, möglichen Interaktion. Ich darf einem Menschen begegnen! Nicht bloß an ihm vorbeigehen oder ihm ausweichen. Während meine Neuronen noch mit Schwanz wedeln, öffnet sich auch schon die Tür. Eine Frau steht da, mühsam riesige Verpackungskartons im Griff behaltend. Eine Nachbarin? Ein Umzug? Ich habe sie noch nie zuvor gesehen. Ich zögere kurz, und halte ihr dann die Tür auf. Sie will das verhindern, ruft: »Aber wir müssen doch Abstand halten!« Ich antworte, während ich mit meinem immer länger werdenden Arm vor ihr und der offenen Aufzugstür retiriere: »Ja, ja, wir halten eh Abstand.« Sie lacht und freut sich beinahe überschwänglich, dankt mir mehrfach, als ob ich sonst etwas für sie getan hätte. Das Eis war kurz gebrochen.

© Tom F. Lange, 2020

Wir Coronauten. Logbuch-Eintrag Nr. 2

Der Frosch mit der Brille hat mich aufgefordert, für einige Zeit seinen Platz einzunehmen, da, wie er sagte, der Frosch zu schweigen hat, wenn der Mensch gefragt ist. Ich werde seinem Ansinnen, so gut es geht, Folge leisten. Mit kurzen, aktuellen Beiträgen, die – solange ich das schaffe – alle zwei, spätestens drei Tage erscheinen sollen. Tom F. Lange, im März 2020
P.S.: Bis auf weiteres erscheinen die Beiträge jeweils dienstags, freitags und sonntags, um 17h.

Tag 9: Ich habe keine Jogginghose

Ich hatte eine, es muss gut zwanzig Jahre her sein: Ein Markenartikel, immerhin, wenn auch, gemäß der Philosophie des Labels, in einem souverän verunglückten Grau gehalten, und deshalb mehr auf dem Brunnenmarkt als auf der Freyung daheim. Sie war schlabbrig, sie war häßlich, sie war gut. Mit meinen immer spärlicher werdenden sportlichen Aktivitäten versank sie immer tiefer in den Abgründen meines Kleiderschranks, unbeachtet, unberührt, mit jeder Faser ihrer Existenz dem Vergessen preisgegeben. Vor etlichen Jahren zerrte ich sie wieder hervor, zwecks Entsorgung mit anderen Kleidungsstücken und stellte irritiert fest, dass auch Textilmotten Geschmack haben können. Die Hose war so gut wie neu! Manches andere – zeitlos elegante – hatten die geflügelten Gourmets gerne angenommen, das vorliegende Proleten-Beinkleid hingegen keines Bisses gewürdigt. »Lest’s ihr die Vogue oder was ist mit euch, Mistviecher, versnobte«, entfuhr es mir empört und verfluchte sie noch ein Weilchen auf das Herzhafteste. Danach schickte ich meine ungeliebte (zu wenig geliebte?) Hose auf den Weg alles Altkleiderlichen und dachte nie wieder an sie.
Bis zum heutigen Tag. Jetzt, da erzwungenes Daheimbleiben und Arbeiten im Home-Office allgegenwärtig geworden sind, feiert auch die Jogginghose fröhliche Urständ’. Zumindest sagen mir das die Medien: Das oft geschmähte Freizeitaccessoire werde zum Alltagsgewand, las ich neulich, etwaige dienstrechtliche Bekleidungsvorschriften begrenze der Monitor von selbst; der (krisenbedingte) Siegeszug der Jogginghose sei nicht mehr aufzuhalten.[1] Ah so?
Nur auf den ersten Blick nichts damit zu tun hat, dass der Physiker Peter Higgs vor sechsundfünfzig Jahren die Theorie formulierte, im Standardmodell der Elementarteilchenphysik müsse ein weiteres, bislang unentdecktes Teilchen vorhanden sein, mit klar definierten Eigenschaften – das sogenannte Higgs-Boson. Der Beweis für diese Theorie konnte jahrzehntelang nicht erbracht werden, da der leistungsstarke Teilchenbeschleuniger, der für den Nachweis dieses Bosons nötig war, erst gebaut werden musste. 2008 ging der Large Hadron Collider (LHC) des europäischen Forschungszentrums CERN in Betrieb; im Juli 2012 gelang der erste Nachweis des Higgs-Bosons, weitere Versuche im LHC bestätigten seine Existenz. Higgs erhielt den Nobelpreis, und – damit komme ich auf den Punkt – aus seinem Postulat wurde ein Bestandteil der uns umgebenden Wirklichkeit.
Dieser Tage darf, sofern den Medien zu trauen ist, ein anderer, leider schon verstorbener Visionär seinen Platz an der Seite von Peter Higgs einnehmen: Karl Lagerfeld, seines Zeichens Modeschöpfer und Publizist von Theorien zur Ästhetik. Vor beinahe acht Jahren, am 19. 4. 2012 formulierte er sein berühmtestes Postulat[2] (das ich aus Respekt vor dem Allgemeinwissen meiner Leserschaft in die Fußnote verbanne); seit Montag, dem 16. 3. 2020 ist es Bestandteil der uns umgebenden Wirklichkeit: Wir haben die Kontrolle über unser Leben verloren. Wir tragen Jogginghose. Auch wenn wir keine haben …

© Tom F. Lange, 2020


[1] DER LETZTE SCHREI. Mode für zu Hause: Rein in die Jogginghose! derstandard.at. Anne Feldkamp, 19. März 2020, 08:00. https://www.derstandard.at/story/2000115714499/mode-fuer-zu-hause-eine-wuerdigung-der-jogginghose
[2] »Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.« Karl Lagerfeld, 19. 4. 2012, Talkshow Markus Lanz, ZDF.

Wir Coronauten. Logbuch-Eintrag Nr. 1

Der Frosch mit der Brille hat mich aufgefordert, für einige Zeit seinen Platz einzunehmen, da, wie er sagte, der Frosch zu schweigen hat, wenn der Mensch gefragt ist. Ich werde seinem Ansinnen, so gut es geht, Folge leisten. Mit kurzen, aktuellen Beiträgen, die – solange ich das schaffe – alle zwei, spätestens drei Tage erscheinen sollen. Tom F. Lange, im März 2020

Tag 7: Mein Corona

Mein Corona ist die Stille, die plötzlich lastend geworden ist. Sie hat mich früher nie gestört. Das Schreiben ist ein einsames Geschäft, für mich zumindest. Ich kann weder in Gesellschaft, noch mit irgendeiner Hintergrundberieselung schreiben, insofern hat sich für mich nicht viel geändert. Natürlich bin ich ab und zu ausgegangen, habe Freunde getroffen, aber ansonsten war ich mir, oder vielmehr war mir meine Welt, in die ich mich schreibend begeben konnte, genug. Jetzt ertappe ich mich dabei, belanglose Textnachrichten zu versenden, offensichtlich – so peinlich das ist – in der Hoffnung auf Antwort. Wahrscheinlich bin ich doch lieber ein glückliches Schwein als ein unzufriedener Sokrates.[1]
Mein Corona ist eine freundliche Supermarktkassiererin. Sie sitzt im Ground Zero aller unserer, mit jedem Tag stärker werdenden Unzulänglichkeiten und Neurosen. Sie lächelt. Sie lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, meistert höflich und gelassen jede noch so absurde Situation. Sie ist der Kompass für mein Gemüt.
Mein Corona ist eine Schlange, vor der ich wie eine Maus hocke. Ich könnte mich mit allem Möglichen beschäftigen, aber es fällt mir unendlich schwer, mich darauf zu konzentrieren.
Mein Corona sind Auslagen, die ich neuerdings betrachte. Ab und zu muss ich spazieren gehen, um den Lagerkoller, so gut es eben geht, hinauszuschieben. Aber so trivial oder wenig relevant der Inhalt dieser Auslagen für mich auch sein mag (neulich erwischte ich mich vor einem Laden für orthopädische Produkte …) – irgendein Reiz ist mir derzeit immer noch lieber als gar keiner.
Mein Corona ist eine alte Frau, die auf der Straße vor mir zurückweicht. Ich hatte, in einer sicheren Entfernung von wenigstens drei Metern, nur einen Schritt in ihre Richtung gesetzt, das hatte genügt, um sie zu erschrecken. Achtsam zu sein ist gar nicht so einfach. Man muss die Ängste und Nöte der Anderen mit-antizipieren.
Mein Corona ist ein geschenkter Schokokuchen. Ich habe ihn von meiner Mutter erhalten, noch warm, weil ich für sie einkaufen gegangen bin. Auf dem Hinweg war ich ein Sohn, der eine Pflicht zu erfüllen hatte, am Rückweg ein Bub mit Schokolade.

© Tom F. Lange, 2020

P.S.: Der nächste Beitrag erscheint am 24.3.2020., um 17h.


[1] »Es ist besser, ein unzufriedener Mensch zu sein als ein zufriedenes Schwein; besser ein unzufriedener Sokrates als ein zufriedener Narr.« John Stuart Mill, Utilitarismus, 1863, Kapitel 2.

Satyrisch-satirische Betrachtungen einer Amphibie von schwacher Sehschärfe

Es war einmal ein Frosch. Der lebte an einem schlammigen Tümpel und betrachtete die Welt. Meistens musste er dabei – als der Laubfrosch, der er war – hoch nach oben schauen, aber das störte ihn nicht. Es war seine natürliche Perspektive. Schräg von unten blinzelte er nach oben – zuweilen in der Sicht behindert, durch Schilf, Schlammspritzer auf der Brille oder herumschwirrende Insekten. Der Frosch mit der Brille quakte gerne und er quakte viel, und da er nicht gestorben ist, quakt er noch heute: Immer dann, wenn etwas geschieht, das selbst in seinem Tümpel Wellen schlägt. Viel Spaß beim Lesen!

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